
Brachzeiten
Eine Brachzeit steht unserem heutigen Denken und Tun gegenüber quer. Wir setzen auf ununterbrochenes Wachstum. Maschinen und Menschen müssen rund um die Uhr funktionieren, die Geschäfte immer geöffnet haben. In der Natur gibt es kein Wachstum ohne Sterben, kein Weiterkommen ohne Ausruhen und Kräftesammeln. Deutlich merkte ich dies auch in meinem Leben. Vor 30 Jahren kam ich in eine gewaltige Lebenskrise. Ich fühlte mich ausgebrannt, leer, mein Fundament, meine Berufung war rissig, brüchig, fragwürdig geworden. Ich bekam das Privileg, ein Jahr Auszeit in den USA zu machen. Ich lernte – weit weg von meinen Sicherheiten – mich und mein bisheriges Leben gründlich in Frage zu stellen und es mit einer fachlichen Begleitung aus einem ganzheitlichen Blickwinkel zu betrachten.
Ich bekam dadurch einen klaren Blick für meine ganze Wirklichkeit – was echt ist, was trägt und wichtig ist. Rückblickend war es für mich wie ein zweites Noviziat und ich konnte geläutert, gestärkt und ermutigt als Salvatorianer meinen Weg weitergehen und neue Aufgaben und Herausforderungen annehmen. Für die Möglichkeit dieses intensiven Jahres bin ich meiner Ordensgemeinschaft sehr dankbar. Es hat mich neu ausgerichtet und aufgerichtet. Und im vergangenen Jahr 2025 habe ich wieder ein ganzes Jahr lang eine Brachzeit genommen und bekommen. Ich spürte die große Sehnsucht nach einer Auszeit, denn nach 10,5 Jahren Leitungsverantwortung als Provinzial fühlte ich mich müde und belastet und brauchte Raum und Zeit für Veränderung.
Nach diesem geschenkten Jahr 2025 darf ich wieder rückblickend Bilanz ziehen.
Bilanz
Der sofortige Ortswechsel war zunächst wie ein Schock, aber rückblickend notwendig und heilsam. Die persönliche Zeit in Wien-Hacking (im Personalhaus der Salvatorianerinnen) und die vier Wochen Mitleben im Europakloster Gut Aich sowie die Übersiedlung ins Kolleg Margarethen am Moos waren hilfreich und wohltuend für Leib und Seele. Grundsatzfragen, Infragestellungen wie: „Wer bin ich eigentlich wirklich – unter all den Rollen? Wofür stehe ich eigentlich?“ wurden zentral.
Und dahinein die 30-tägigen Exerzitien, die ich in drei Teilen mache, ließen mich gut begleitet gründlich auch mit den Augen Gottes auf mein Leben mit den Fragestellungen und allen Höhen und Tiefen hinschauen. Ich lernte mich wieder differenzierter wahrzunehmen und zu sehen, wer ich als Mensch bin. In diesem Prozess hat mir auch geholfen, ein ganzes Jahr lang keinen Gottesdienst vorzustehen, nicht zu predigen etc., sondern mitten im Volk Gottes mitzufeiern.
Die Knie- und die Hüft-Operationen im Frühjahr und Herbst am rechten Fuß mit anschließender Remobilisierung und Rehabilitationszeiten ließen mich die Krankenhausseelsorge sehr schätzen. Diese Zeiten haben mir auch die konkrete Realität des Altwerdens und des Hilfe-Annehmens erfahren lassen. Das ist ja eine Lektion, die uns allen bevorsteht und nochmals existenziell auch auf die Tragfähigkeit unseres Glaubens verweist. Es geht auch um eine spirituelle Altersvorsorge, spüre ich. Um gut alt werden zu können braucht der Mensch Frieden, innen und außen.
Dazu ist mir ein Buch von Fabian Vogt geschenkt worden, das für mich wie ein Lebensmittel wurde: „Verzeihen Sie bitte! – Wie wir lernen mit uns und anderen gnädig zu sein“. In diesem Buch erkundet er neugierig und lebensnah, was geschieht, wenn Gnade vor Recht ergeht und der Kreislauf von Kränkung und Gekränkt-Sein überwunden wird.
Am Fest der Taufe Jesu bin ich 2026 wieder langsam in die aktive Seelsorge eingestiegen. So höre ich diese einladende Bitte Jesu an Johannes den Täufer heuer ganz neu und dringlich für mich: „Josef, lass es nur zu! Lass es nur zu“ – meint auch, lass dein krampfhaftes Kreisen und fixiertes Denken um dich los. Lass deine Vorurteile, Verletzungen, Enttäuschungen, dein dich-als-Opfer-Fühlen und deine eingefleischten Einseitigkeiten los! Höre vielmehr die entlastende Einladung Jesu: „Josef, lass es nur zu – lass Gott wirken in dir, vertrau seiner heilsamen Botschaft!“ Trau auch deiner Intuition, deinen Träumen wie es von den beiden biblischen Josefs oder jüngst von den Sterndeutern berichtet wird. Das ist wie ein Schlüssel oder Code meines (neu) Glauben-Lernens.
So freue ich mich, dass ich neu gestärkt zu Pfingsten ein Aufbruchsfest in Margarethen am Moos feiern darf. Ich bin motiviert und inspiriert zu einem neuen Ort mit neuer Aufgabe aufzubrechen. Nach Gurtweil in Süddeutschland, dem Geburtsort unseres seligen Gründers, Franziskus Jordan. Dort wird eine neue Zelle der internationalen Gemeinschaft der Salvatorianer gegründet, die mithelfen soll, dass die Salvatorianische Spiritualität von den Ursprüngen her für die SDS-Gemeinschaften sowie für die (Orts)-Kirche neu entdeckt und vermittelt werden kann. Ich bitte dafür um das begleitende Gebet mit unserem Gründer: Seliger Franziskus Jordan, bitte für uns!
Text: P. Josef Wonisch SDS
Der Artikel erschien in der Ausgabe 1/26 von "die Salvatorianer".
"die Salvatorianer" 1/26 können Sie hier als PDF downloaden.



