
Warum heißt der Karfreitag in anderen Ländern „Guter Freitag“?
Der deutsche Name „Karfreitag“ führt unmittelbar in die Stimmung dieses Tages. Das Wort „Kar“ geht auf das althochdeutsche kara zurück und bedeutet Klage oder Trauer. Der Karfreitag ist der Tag des Leidens und Sterbens Jesu Christi am Kreuz. Die Liturgie ist schlicht, die Altäre sind entblößt, die Kirche verharrt im Schweigen.
Im Englischen trägt derselbe Tag einen Namen, der zunächst irritieren kann: Good Friday. Wie kann der Tag der Kreuzigung „gut“ genannt werden?
Sprachgeschichtlich wird darauf verwiesen, dass das englische Wort „good“ im älteren Sprachgebrauch auch die Bedeutung „heilig“ oder „fromm“ tragen konnte. In diesem Sinn wäre „Good Friday“ der „heilige Freitag“. So erklärt es etwa das Oxford English Dictionary unter dem Stichwort „Good Friday“, das auf die ältere religiöse Bedeutungsnuance von „good“ verweist. Auch das Online Etymology Dictionary weist auf diese Entwicklung hin.
Sprachen mit wörtlich „Guter Freitag“
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Englisch: Good Friday
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Niederländisch: Goede Vrijdag
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Afrikaans: Goeie Vrydag oder Goeie Vrijdag
Andere Sprachtraditionen
In vielen anderen Sprachen wird nicht von „gut“, sondern vom „heiligen“ oder „großen“ Freitag gesprochen:
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Spanisch: Viernes Santo („Heiliger Freitag“)
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Italienisch: Venerdì Santo („Heiliger Freitag“)
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Französisch: Vendredi saint („Heiliger Freitag“)
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Polnisch: Wielki Piątek („Großer Freitag“)
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Tschechisch: Velký pátek („Großer Freitag“)
Doch jenseits der Sprachgeschichte liegt in der Bezeichnung eine tiefe theologische Wahrheit. Aus christlicher Sicht ist der Karfreitag nicht „gut“, weil das Leiden an sich gut wäre. Folter, Unrecht und Tod bleiben Unrecht. Gut wird dieser Tag aus dem, was Gott daraus macht.
Nach dem Zeugnis des Neuen Testaments ist das Kreuz kein Scheitern, sondern Heilsereignis. Paulus schreibt: „Wir verkündigen Christus als den Gekreuzigten“ (1 Kor 1,23) und bekennt zugleich, dass gerade in der scheinbaren Ohnmacht Gottes Kraft sichtbar wird. In 1 Kor 15,3–4 fasst er die frühchristliche Überlieferung zusammen: Christus ist „für unsere Sünden gestorben“ und „am dritten Tag auferweckt worden“ (vgl. Einheitsübersetzung 2016).
Ohne Karfreitag kein Ostern. Ohne Hingabe kein neues Leben. Die Auferstehung setzt das Kreuz voraus. Das Zweite Vatikanische Konzil spricht vom österlichen Geheimnis, in dem Christus „durch sein Sterben unseren Tod vernichtet und durch sein Auferstehen das Leben neugeschaffen“ hat (Zweites Vatikanisches Konzil, Sacrosanctum Concilium, Nr. 5).
In diesem Licht erhält der „Good Friday“ seine eigentliche Bedeutung. Er ist gut, weil Gott selbst in die dunkelste Stunde der Menschheit hineingeht. Er ist gut, weil die Liebe bis zum Äußersten geht. Er ist gut, weil am Kreuz bereits der Keim der Auferstehung liegt.
Für die Spiritualität der Salvatorianer, die sich dem Heil aller Menschen verpflichtet wissen, liegt darin eine bleibende Hoffnung. Auch in Leid, Scheitern und Dunkelheit ist Gott nicht fern. Der Karfreitag bleibt ein Tag der Trauer. Doch er ist zugleich ein Tag der Verheißung. Denn das Kreuz steht nicht am Ende der Geschichte. Das letzte Wort Gottes heißt nicht Tod, sondern Leben.



