
P. Pankratius Pfeiffer – Der Weg als Vorbild
„Unsere Gesellschaft kommt nur so weit voran, wie die einzelnen Mitglieder ihre Pflicht erfüllen.“1(P. Pankratius Pfeiffer SDS)
Eine Aussage, die nicht nur für die Gesellschaft des Göttlichen Heilands gilt. Gerade deshalb wäre es einfach, diesen Satz als Basis für einen Rundumschlag gegen die heutige Gesellschaft zu nehmen. Eine Mehrheit der Menschen scheint sich keiner Bringschuld ihrer Gemeinde gegenüber bewusst zu sein. Mehr zu nehmen, ohne mehr geben zu müssen, wird in den sozialen Medien zu einer Frage des Prestiges gemacht. Aber Pauschalisierungen wie diese verurteilen aus starren Perspektiven und idealisierten Vorstellungen der Vergangenheit heraus, ohne dabei all jene Mitmenschen zu würdigen, die still ihre Verantwortung tragen.
Doch ob wir es uns eingestehen wollen oder nicht: Hilfsbereite Menschen, gewillt, die eigenen Bedürfnisse, die eigene Sicherheit oder gar das eigene Leben für andere zu riskieren, waren schon immer in der Minderheit.2 Aber kein Ideal entsteht aus einer Norm, und eben weil selbstlose Hilfsbereitschaft selten ist, verdienen jene, die diesen Pfad wählen, unsere besondere Aufmerksamkeit.
P. Pankratius Pfeiffer als Beispiel
Pankratius Pfeiffer wurde 1872 im bayrischen Brunnen unter seinem Taufnamen Markus in eine traditionsreiche, tiefreligiöse Familie geboren. Für die Ziegelei der Familie war Markus zu schwächlich, darum begann er eine Lehre bei einem Bäcker. Der Wille war da, aber dieses Mal war es sein Asthma, das zusammen mit dem Mehlstaub jede Chance auf eine Anstellung verhinderte. Trotzdem waren es die Werte ehrlicher Arbeit und die hoch gehaltenen Ideale des christlichen Glaubens, die das Fundament für seinen Charakter bildeten. „An ihm [Jesus] orientierte er sich, vor allem an seiner Liebe und Barmherzigkeit. Beides wurde ihm zum Leitfaden.“3
Mit seinem Bruder Johannes teilte er den Wunsch, der Katholischen Lehrgesellschaft (ab 1894 „Salvatorianer“) beizutreten. Während Johannes im Herbst 1888 bereits nach Rom fuhr, blieben die beiden in regem Briefkontakt. Anfang 1889 wurde schließlich auch Markus in die Ordensgemeinschaft aufgenommen, und er begann sein Philosophiestudium in Rom.
Trotz unscheinbarem Äußeren zeigte er bemerkenswerte Energie. Durch Disziplin und harte Arbeit verdiente er sich das Ansehen seiner Mitbrüder und Pater Jordans, dessen Nachfolge er 1915 erst als Generalvikar und nach Jordans Tod als Generalsuperior antrat. In der Zeit, als Europa ins Chaos stürzte, ermöglichten Menschen wie Pankratius Pfeiffer durch konsequente Arbeit das Überleben von Menschlichkeit und Hoffnung.
Ein Fehler wäre es allerdings, die Quelle für diese Energie einzig in seinem Glauben und seiner Erziehung zu suchen. Wie viele Menschen sind „Engel“, ohne an einen Gott zu glauben? Wie viele sind „Teufel“, die genau dieselbe Energie und Effizienz in unmenschliche Gräueltaten investieren?
Es geht um Pfeiffers Weg
Nicht nur junge Personen werden an längst Verstorbenen gemessen, oder glauben, es gäbe Abkürzungen zum Erfolg. Marketing und Moral verwenden die gleiche Strategie. Denn egal ob traditionelle Vorbilder als Mahnung oder die Versprechen moderner „Influencer“, beide Ansätze machen denselben Fehler: Sie verkaufen einen Status, keine Entwicklung. In Zeiten der Instant-Gratification (dt. „sofortige Bedürfnisbefriedigung“) sind viele nicht mehr bereit, Zeit und Mühe in eine Entwicklung zu investieren.
Pankratius Pfeiffer, der „Engel von Rom“, bietet sich als Beispiel an. Wir blicken zurück auf diesen Engel, auf die Zeit während des Zweiten Weltkrieges, auf seinen Einsatz gegen die Grausamkeiten des Krieges und der Nazi-Besatzer und überstrahlen dabei völlig den Menschen dahinter.
Er hat sich nicht nur den Respekt von Papst Pius XII. und vieler Geistlicher in Rom und der ganzen Welt verdient, sondern sogar den der Stellvertreter des gewaltverherrlichenden Nazi-Regimes während der Besetzung Roms; doch sicher nicht, weil sein Wesen bereits ein in Stein gemeißeltes und dadurch starres Ideal war. Seine Intelligenz und Integrität, sein Gespür für Menschen und seine pragmatische Art, Situationen zu bewerten, haben ihn geleitet. Sein Geist war in Bewegung – fähig zu Interpretation, Improvisation und Wachstum. Zähe Bürokratie, die Pflege von heiklen Kontakten und delikate Verhandlungen mit Vertretern einer von Ideologie getriebenen Kriegsmaschine zehren an ihm. Es ist nicht die eine einzige grandiose Geste, die ihn definiert, sondern die Arbeit jedes einzelnen Tages.
Vermeiden wir doch, nur weil es einfacher ist, auf die im Rückspiegel der Geschichte fertig gestalteten Persönlichkeiten zu zeigen, sondern verweisen wir auf ihre Wege. Auf jede noch so kleine Tat, die zu einem Schritt in ihrer Entwicklung wurde. Kein Vorsatz, kein Slogan, kein Mantra, kein Versprechen hat einen Wert, wenn es nicht in einer Aktion resultiert. Es sind die alltäglichen Gesten, die uns ausmachen und am Ende zählen.
Überlegungen zu alltäglicher Hilfsbereitschaft werden durch moderne psychologische Forschung eindrucksvoll bestätigt. Studien zeigen konsistent, dass Menschen, die anderen helfen, selbst größere Lebenszufriedenheit erleben.4 Dieser „Helfer-Effekt“ funktioniert bereits bei kleinen, unspektakulären Handlungen.
Konsequenzen für heute
Pankratius Pfeiffer handelte in einer Zeit extremer Polarisierung unter Lebensgefahr. Er hat Juden, Mitglieder der Resistenza und Antifaschisten wortwörtlich hinter einer Wand aus Akten versteckt. Doch es waren Situationen in seinem Alltag, die ihn zu diesem Menschen werden haben lassen.
Helfen beginnt mit Aufmerksamkeit. Heute übersehen wir oft die Einsamkeit älterer Nachbarn, die Überforderung alleinerziehender Mütter oder die Ausgrenzung von Migranten in unserem Umfeld. Wenn wir Diskriminierung am Arbeitsplatz erleben, Mobbing in sozialen Medien beobachten oder Nachbarn in Not sehen – handeln wir oder schauen wir weg? Die Mehrheit schaut weg. Dürfen wir uns dann wundern, wenn es uns die Jugend in ihrer Welt nachahmt?
Helfen sollte keine Belohnung in Form von Aufmerksamkeit anderer brauchen. Die Belohnung ist das Wissen, kein Teil der schweigenden Masse zu sein. Der Preis dafür ist gering: Zeit und die eine oder andere Unbequemlichkeit. „Der beste Zeitpunkt, einen Baum zu pflanzen, war vor zwanzig Jahren. Der zweitbeste ist jetzt.“ (Chinesisches Sprichwort) Warten wir also nicht darauf, dass andere uns diese Verantwortung abnehmen. Sie ist Teil von uns.
1 Peczar 2023, S. 117
2 Vgl. Studie: Darley, J. M., & Latané, B. (1968). Bystander intervention in emergencies: Diffusion of responsibility. Journal of Personality and Social Psychology, 8(4), 377–383, doi.org/10.1037/h0026570 [22.9.2025]
3 Philipp 2021, S. 9
4 Vgl. Studie: Brown, S. L., Nesse, R. M., Vinokur, A. D., & Smith, D. M. (2003). Providing support may be more beneficial than receiving it: Results from a prospective study of mortality and mental health. Psychological Science, 14(4), 320–327, researchgate.net/publication/10708396_Providing_Social_Support_May_Be_More_Beneficial_Than_Receiving_It_Results_From_a_Prospective_Study_of_Mortality [22.9.2025]
Bildnachweis
- Philipp, Monika, Pankratius Pfeiffer. Der Engel von Rom, in: Füssener Heimatzeitung, Nr. 204, Füssen 2021, S. 3
Literatur
- Klose, P. Lukas SDS, P. Pancratius Pfeiffer. Der zweite Generalsuperior der Gesellschaft des Göttlichen Heilandes (Salvatorianer) 1872 – 1945, in: Documenta & Studia Salvatoriana (DSS), Tomus III, Rom 1972, S. 10–113
- van Meijl, P. Peter SDS, Pater Pancratius Pfeiffer. Sein Einsatz für die Juden während der Besatzung in Rom 1943 – 1944, Wien 2007
- Samerski, Stefan, Pancratius Pfeiffer, der verlängerte Arm von Pius XII. Der Salvatorianergeneral und die deutsche Besetzung Roms 1943/44, Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn 2013
- Philipp, Monika, Pankratius Pfeiffer. Der Engel von Rom, in: Füssener Heimatzeitung, Nr. 204, Füssen 2021, S. 1–29
- Peczar, Dieter, Pater Pankratius Pfeiffer (1872 – 1945). Die Güte und Menschenfreundlichkeit eines Salvatorianers, in: Kolozs, Passini, van Meijl (Hg.), Erweckte Begeisterung. 100 Jahre Österreichische Provinz der Salvatorianer (1923 – 2023), Wagner Verlag, Linz 2023, S. 117–125
