Im Mittelpunkt der Eröffnungsrede von Sr. Maria Schlackl stand der Schutz der Menschenwürde, insbesondere jener von Mädchen und Frauen, die Opfer von Menschenhandel und sexueller Ausbeutung werden. Die Salvatorianerin machte deutlich, dass Menschenhandel keine ferne Realität sei, sondern unmittelbar vor Ort geschehe. Aus ihrer täglichen Arbeit kenne sie die erschütternden Schicksale von Frauen, die Täuschung, Erniedrigung und Gewalt erlebten und in organisierte sexuelle Ausbeutung gerieten. Täter und wirtschaftliche Profiteure blieben dabei häufig im Verborgenen.

Sr. Maria Schlackl setzt sich mit ihrer SOLWODI-Initiative gegen Menschenhandel und für den Schutz der Menschenwürde ein. © Martin Maria Eder
Ein Schwerpunkt ihrer Initiative liege deshalb auf der Prävention. In Workshops sollen vor allem junge Menschen für die eigene Würde und die Würde anderer sensibilisiert werden. Zum Abschluss rief Sr. Maria die gesamte Gesellschaft dazu auf, bei Menschenhandel und anderen Menschenrechtsverletzungen nicht wegzusehen, sondern entschlossen zu handeln. Der Schutz der Menschenwürde sei nicht Aufgabe Einzelner, sondern eine gemeinsame gesellschaftliche Verpflichtung.
Gabriele Hofer-Stelzhammer, Präsidentin der Katholischen Aktion Oberösterreich (KAOÖ), rückte in ihrer Rede die Menschenwürde in den Mittelpunkt: als große gesellschaftliche Herausforderung und als Auftrag zu konkretem Handeln. Sie würdigte das Engagement von Sr. Maria Schlackl und der Ordensfrauen von SOLWODI gegen Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung.

Gabriele Hofer-Stelzhammer von der Katholischen Aktion OÖ fordert, bei Menschenhandel und sexueller Ausbeutung nicht wegzusehen. © Martin Maria Eder
Ein Kernanliegen ihrer Rede war die Einführung des schwedischen Modells, das den Kauf sexueller Dienstleistungen unter Strafe stellt, nicht aber die Prostituierten selbst. Damit solle die Verantwortung stärker bei den Freiern liegen.
Darüber hinaus betonte Hofer-Stelzhammer, dass die Menschenwürde nicht nur durch offensichtliche Gewalt und Ausbeutung verletzt werde, sondern ebenso durch Gleichgültigkeit, Wegsehen und Schweigen angesichts von Unrecht. Menschenwürde dürfe kein bloßer moralischer Grundsatz bleiben, mahnte sie. Sie müsse durch konkretes gesellschaftliches und politisches Handeln geschützt werden.
Unter der Leitfrage „Was sind wir Menschen für Menschen?“ beleuchtete der Philosoph und Theologe Clemens Sedmak die Mechanismen moderner Sklaverei und die Verletzlichkeit der Menschenwürde. In sieben zentralen Thesen zeigte er, wie Menschen zu Objekten wirtschaftlicher Interessen herabgewürdigt werden, warum Ausbeutung oft unsichtbar bleibt und welche Verantwortung die Gesellschaft dabei trägt.

Philosoph und Theologe Clemens Sedmak: „Was sind wir Menschen für Menschen?“ © Martin Maria Eder
Mit konkreten Schicksalen machte Sedmak deutlich, dass moderne Sklaverei keineswegs der Vergangenheit angehört. Er erzählte von einem jungen Mexikaner, der in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft in die USA geschleust wurde und schließlich auf einer kalifornischen Avocadofarm unter sklavenähnlichen Bedingungen arbeitete. Ohne gesicherten Aufenthaltsstatus, ohne Bewegungsfreiheit und mit Schulden belastet, war er seinem Arbeitgeber weitgehend ausgeliefert.
Ähnliche Verhältnisse gebe es auch in Europa. Sedmak berichtete von indischen Erntearbeitern in Italien, die unter menschenunwürdigen Bedingungen beschäftigt wurden. Besonders erschütternd sei der Fall eines Arbeiters, der nach einem schweren Arbeitsunfall keine medizinische Hilfe erhielt und starb.
Damit stellte Sedmak auch die Verantwortung der Konsumentinnen und Konsumenten zur Diskussion. Ausbeutung geschehe nicht nur fernab unserer Lebenswelt, sondern könne unmittelbar mit den Produkten zusammenhängen, die wir täglich kaufen.
Einen wesentlichen Teil seines Vortrags widmete Sedmak der philosophischen Bedeutung der Menschenwürde. Er verwies auf die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948, die allen Menschen gleiche Würde und gleiche Rechte zuspricht. Jeder Mensch sei mehr als seine Arbeitskraft, seine wirtschaftliche Verwertbarkeit oder seine gesellschaftliche Funktion. Gerade für Menschen, deren Selbstbestimmung durch Krankheit, Alter oder Abhängigkeit eingeschränkt ist, bleibe die Würde ein unverzichtbarer Schutz.
Kritisch setzte sich Sedmak mit der Ökonomisierung menschlicher Beziehungen auseinander. Sobald Menschen zur Ware würden, werde ihre Würde im Kern verletzt. Obwohl Menschen keinen Preis haben dürften, gebe es weltweit einen lukrativen Markt, auf dem sie gekauft, verkauft und ausgebeutet würden.
Menschenhandel und moderne Sklaverei seien ein internationales Geschäft von enormer wirtschaftlicher Dimension. Die Schätzungen zur Zahl der Betroffenen gingen auseinander, doch hinter jeder Zahl stehe ein einzelnes menschliches Schicksal. An mehreren Verfahren vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zeigte Sedmak, wie schwierig der rechtliche Schutz der Betroffenen ist. Er berichtete von einer jungen Frau, die unter falschen Versprechungen nach Zypern gebracht wurde und dort ums Leben kam, sowie von Arbeitsmigranten aus Bosnien und Herzegowina, die in Aserbaidschan massiv ausgebeutet wurden. Die Fälle, die vor Gericht landen, seien nur die Spitze des Eisbergs.
Ein weiterer Schwerpunkt galt der Beobachtung, dass Menschenhandel oft dort stattfindet, wo man ihn am wenigsten vermutet. Sedmak nannte Hotels, Privathaushalte, diplomatische Vertretungen und internationale Großveranstaltungen als mögliche Schauplätze. Ein Kernproblem sei die Abhängigkeit der Betroffenen von ihren Ausbeutern: Schulden, fehlende Papiere, mangelnde Sprachkenntnisse und Drohungen gegen Angehörige machten es schwer, sich zu befreien. Nach außen gelebte Anständigkeit und unmenschliches Verhalten im Verborgenen könnten durchaus nebeneinander bestehen, gab Sedmak zu bedenken. Wegsehen und Gleichgültigkeit trügen dazu bei, dass Ausbeutung oft lange unentdeckt bleibe.
Als grundlegende Ursache gesellschaftlicher Ungerechtigkeit nannte Sedmak die Vorstellung, manche Menschenleben seien mehr wert als andere. Diese Haltung sei die Wurzel allen Übels. Die stillschweigende Akzeptanz solcher Ungleichwertigkeit bereite den Boden dafür, dass Ausbeutung, Erniedrigung und Gewalt gegenüber bestimmten Gruppen hingenommen würden.
Trotz der erschütternden Beispiele schloss Sedmak mit einer hoffnungsvollen Perspektive. Es gebe nicht nur Menschen, die andere ausbeuten, sondern auch viele, die sich entschlossen für deren Würde einsetzen. Als Beispiel nannte er Pflegekräfte, die selbst unter schwierigen Bedingungen die Würde anderer achten und schützen. Besonders würdigte er Sr. Maria Schlackl und das Team von SOLWODI für ihren beharrlichen Einsatz gegen Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung.
Seine Ausgangsfrage beantwortete Sedmak damit differenziert: Menschen seien nicht nur zu Grausamkeit fähig, sondern ebenso zu Mitgefühl, Solidarität und Verantwortung.
Die deutsche Psychotherapeutin und Traumatherapeutin Dr. Ingeborg Kraus übte in ihrem Vortrag in Linz scharfe Kritik an der deutschen Prostitutionsgesetzgebung. Sie warnte vor den psychischen Folgen sexueller Ausbeutung und forderte das nordische Modell, das Sexkäufer bestraft und betroffene Frauen schützt.
Während Schweden 1999 den Kauf sexueller Dienstleistungen unter Strafe stellte, liberalisierte Deutschland 2002 die Prostitution. Kraus zufolge habe sich das Land dadurch zum „Bordell Europas“ entwickelt. Menschenhändler, Zuhälter und Bordellbetreiber profitierten von einem System, in dem viele Frauen unter Gewalt, wirtschaftlicher Abhängigkeit und Ausbeutung litten.

Traumatherapeutin Ingeborg Kraus beleuchtete die psychischen Folgen sexueller Ausbeutung und forderte einen politischen Kurswechsel. © Martin Maria Eder
Entschieden widersprach Kraus der Darstellung von Prostitution als gewöhnlicher Erwerbsarbeit. Viele der Frauen stammten aus armen Regionen Europas, hätten bereits Gewalt erlebt oder befänden sich in besonders verletzlichen Lebenslagen. Weder das deutsche Recht noch die bestehenden Kontrollen böten ihnen ausreichenden Schutz.
Gestützt auf Studien und eigene Interviews mit Freiern schilderte Kraus, wie Männer erkennbare Gewalt, Angst und psychische Not prostituierter Frauen teilweise einfach ignorierten. Selbst wenn eine Frau deutlich mache, dass sie keinen Sex wolle, sähen manche Männer in der Bezahlung eine Rechtfertigung.
Die gesellschaftliche Normalisierung des Sexkaufs fördere die Vorstellung, sexuelle Verfügbarkeit sei käuflich, argumentierte Kraus. Darunter litten Empathie, Respekt und die Gleichberechtigung der Geschlechter. Die Folgen reichten weit über die Prostitution hinaus und belasteten auch Partnerschaften sowie das gesellschaftliche Verständnis von Sexualität.
Besonders eindringlich erläuterte die Traumatherapeutin die psychischen Folgen sexueller Ausbeutung. Viele Frauen hätten schon in ihrer Kindheit Gewalt oder Missbrauch erlebt. Wiederholte ungewollte sexuelle Handlungen könnten zu schweren Traumatisierungen führen.
Als zentralen Schutzmechanismus beschrieb Kraus die Dissoziation: Betroffene spalteten sich innerlich von ihrem Körper und ihren Gefühlen ab, um Unerträgliches auszuhalten. Langfristig könnten daraus posttraumatische Belastungsstörungen, Angstzustände, tiefe Scham und Schwierigkeiten im Umgang mit anderen Menschen entstehen.
Diese Mechanismen erklärten auch, warum Opfer von Menschenhandel oft schwiegen, sich nicht wehrten oder trotz der Ausbeutung in der Prostitution blieben. Kraus warnte davor, fehlenden Widerstand mit freiwilliger Zustimmung zu verwechseln. Angst, Abhängigkeit und Traumatisierung machten es vielen Frauen unmöglich, sich aus eigener Kraft zu befreien.
Kraus sprach sich entschieden für einen politischen Kurswechsel aus. Nach dem Vorbild Schwedens und Frankreichs sollten Sexkäufer bestraft, prostituierte Menschen hingegen nicht kriminalisiert werden. Zugleich brauche es mehr Schutzmaßnahmen, spezialisierte Beratungsstellen und wirksame Ausstiegshilfen.
In diesem Zusammenhang würdigte sie das Engagement von Sr. Maria Schlackl und SOLWODI, die betroffene Frauen begleiten und ihnen den Weg in ein selbstbestimmtes Leben eröffnen.
Zum Abschluss erzählte Kraus von einer traumatisierten Frau, die von ihrem Zuhälter schwer misshandelt worden war. Am meisten habe die Betroffene belastet, dass andere Männer die Gewalt mitangesehen hätten, ohne einzugreifen. Daran zeige sich, wie sehr gesellschaftliches Wegsehen und fehlende Anerkennung erlittenen Unrechts die Verarbeitung eines Traumas erschweren können.
„Die Scham muss die Seite wechseln“, lautete ihre abschließende Forderung. Nicht die ausgebeuteten Frauen sollten Schuld und Scham tragen, sondern jene, die sexuelle Gewalt ausüben, ermöglichen oder von ihr profitieren.
In der anschließenden Publikumsdiskussion traten die unterschiedlichen Sichtweisen auf Prostitution, Menschenhandel und den Schutz der Menschenwürde deutlich zutage. Eine selbstbestimmt tätige Sexarbeiterin warnte, ein Sexkaufverbot würde die Arbeitsbedingungen und die Sicherheit von Sexarbeiterinnen verschlechtern. Ingeborg Kraus widersprach: Das nordische Modell solle vor allem jene Frauen schützen, die Ausbeutung und Gewalt erleben.

Zahlreiche Gäste aus Politik, Kirchen, Bildung und Medien beschäftigten sich mit der Verletzlichkeit der Menschenwürde. © Martin Maria Eder
Vertreterinnen von Hilfsorganisationen schilderten, wie schwierig es sei, Frauen beim Ausstieg aus der Prostitution zu begleiten. Wirtschaftliche Abhängigkeit, familiäre Verpflichtungen, Angst und traumatische Bindungen an die Täter erschwerten diesen Schritt erheblich. Umso dringlicher brauche es wirksame Schutzmaßnahmen, psychologische Betreuung und gesellschaftliche Veränderungen.
Ein weiterer Schwerpunkt war die Verantwortung der Männer. Mehrere Diskussionsteilnehmende forderten, vor allem junge Männer stärker für Menschenwürde, Gleichberechtigung und die Folgen sexueller Ausbeutung zu sensibilisieren. Zugleich wurde daran erinnert, dass Menschenhandel und Ausbeutung auch in der Landwirtschaft, in Privathaushalten und anderen Arbeitsbereichen vorkommen.
Zum Abschluss ging es um die Frage, wie aus Betroffenheit konkretes Handeln werden kann. Genannt wurden gesetzliche Änderungen, bessere Ausstiegshilfen, gezielte Präventionsarbeit mit Männern und ein gesellschaftlicher Bewusstseinswandel. Bei allen Unterschieden im Detail wurde deutlich, dass das Ziel, Menschenhandel und Ausbeutung zu bekämpfen, alle Beteiligten verbindet.
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Katholische Aktion Oberösterreich