'Weiter denken - weiter gehen' - Podcast Nr. 15 mit Daniela Sommer-Neustifter
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Ein Institut mit Blick in die Zukunft

 

Podcast Nr. 15 mit Daniela Sommer-Neustifter

 

Seit etwas mehr als einem Jahr arbeitet Daniela Sommer-Neustifter als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut zur Erforschung salvatorianischer Geschichte und Spiritualität. Nach 25 Jahren in der Kulturvermittlung des Wien Museums suchte sie bewusst eine neue berufliche Herausforderung.

„Mich hat damals an der Aufgabe gereizt, dass ich nach 25 Jahren Kulturvermittlung im Wien Museum eine andere Form der historischen Tätigkeit gesucht habe. Mehr forschen und publizieren als unmittelbar vermitteln. Dass ich dabei meine Interessensgebiete Geschichte und Religion wunderbar verbinden kann, freut mich umso mehr.“

Heute reicht ihr Arbeitsfeld weit über klassische Archivarbeit hinaus. Sie erschließt historische Quellen, begleitet Forschungsprojekte, entwickelt Themen für wissenschaftliche Arbeiten und arbeitet gemeinsam mit P. Peter van Meijl an einem Themenkatalog, der Studierende und Interessierte zu neuen Forschungen anregen soll. Gleichzeitig unterstützt sie den ersten Studenten des Instituts, P. Cyprian Kikoti aus Tansania, bei seiner Vorbereitung auf das Theologiestudium in Wien.

 

Ein weiteres Großprojekt hat bereits begonnen. Für das 150 jährige Jubiläum der Salvatorianer im Jahr 2031 entsteht eine internationale Publikation, an der möglichst alle Provinzen und Vikariate der Gemeinschaft beteiligt werden sollen. Dadurch entwickelt sich das Institut zunehmend zu einer weltweiten Drehscheibe für salvatorianische Geschichtsforschung.

 

Mehr als ein Ordensarchiv

Das Institut versteht sich nicht nur als Archiv historischer Dokumente. Es möchte Forschung ermöglichen, Menschen miteinander vernetzen und wissenschaftlichen Austausch fördern. Dabei richtet sich das Angebot ausdrücklich nicht nur an Ordensmitglieder.

„Prinzipiell können alle forschen, die Interesse an der salvatorianischen Geschichte und Spiritualität haben.“

Besonders wichtig sind die Zusammenarbeit mit Universitäten und anderen Forschungseinrichtungen sowie die internationale Vernetzung innerhalb der salvatorianischen Gemeinschaft. Eine zentrale Rolle wird künftig auch die Zusammenarbeit mit Gurtweil spielen, dem Geburtsort des Ordensgründers P. Franziskus Jordan, wo derzeit ein spiritueller Standort des Instituts entsteht.

 

Wenn historische Dokumente lebendig werden

Wer Archive nur mit staubigen Akten verbindet, wird von Daniela Sommer Neustifters Arbeit überrascht sein. Immer wieder öffnet sie Kartons und Schubladen voller bislang kaum erschlossener Dokumente. Besonders intensiv beschäftigte sie sich zuletzt mit dem Nachlass von P. Aloys Scheidl.

 

Zwischen Predigten, Briefen, Protokollen und handschriftlichen Notizen eröffnete sich ein eindrucksvolles Bild seines Wirkens. Die Unterlagen zeigen, mit welcher Intensität sich der Salvatorianer für Jugend, Ehe und Familie einsetzte und welche Fragen die Seelsorge seiner Zeit bewegten.

 

Solche persönlichen Quellen ermöglichen oft einen Blick hinter die offiziellen Chroniken.

„Briefe und Tagebücher enthalten häufig mehr Emotionen, Gefühle und persönliche Kommentare, die in offiziellen Texten nicht zu finden sind. Sie bereichern die Auseinandersetzung mit Geschichte.“

Gleichzeitig stellt sich für Historikerinnen und Historiker immer wieder die Frage, wie verantwortungsvoll mit persönlichen Aufzeichnungen Verstorbener umgegangen werden kann.

 

Schwierige Kapitel gehören zur Geschichte

Historische Forschung bedeutet auch, unbequeme Fragen zu stellen. Daniela Sommer-Neustifter nennt die Zeit des Nationalsozialismus als ein Forschungsfeld, in dem trotz zahlreicher Arbeiten noch viele Fragen offen sind. Ebenso beschäftigt sie der Umgang mit dem Thema Exorzismus in der Geschichte der Salvatorianer.

Dabei gehe es nie darum, Geschichte zu beschönigen oder vorschnell zu verurteilen.

„Ich denke, es ist wichtig, mit solchen heiklen Themen sehr behutsam umzugehen. Was aber nicht bedeutet, alles zu beschönigen. Aber dafür muss intensiv und ausgewogen geforscht werden.“

Gerade deshalb sei wissenschaftliche Unabhängigkeit von großer Bedeutung. Bei Forschungsprojekten werden bewusst auch externe Fachleute aus unterschiedlichen Disziplinen eingebunden.

 

Digitalisierung als Chance mit klaren Grenzen

Auch die Geschichtsforschung verändert sich. Übersetzungsprogramme, digitale Archive und Künstliche Intelligenz erleichtern viele Arbeitsschritte. Dennoch ersetzen sie nach Überzeugung der Historikerin nicht die wissenschaftliche Arbeit mit Originalquellen.

„Es ist für uns doppelt wichtig zu schauen, woher diese Informationen stammen und den Weg zu den Quellen zurückzuverfolgen, um den Wahrheitsgehalt möglichst zu überprüfen.“

Das Institut versteht sich deshalb auch als Ort, an dem Forschende aus aller Welt mit den Originalquellen arbeiten können. Denn längst nicht alles ist digital verfügbar.

 

Warum Ordensgeschichte heute wichtig ist

Für Daniela Sommer-Neustifter ist die Beschäftigung mit Geschichte kein Selbstzweck. Sie hilft, die Gegenwart besser zu verstehen und Zukunft verantwortlich zu gestalten.

„Jedes historische Wissen ermöglicht uns einerseits, Fehler der Vorfahren nicht zu wiederholen, sich aber andererseits Vorbilder zu suchen und aus der Vergangenheit zu lernen.“

Gerade die Geschichte der Salvatorianer zeige, wie offen und kreativ der Orden immer wieder auf die Herausforderungen seiner Zeit reagiert habe. Besonders beeindruckt sie, dass schon früh Laien und Frauen aktiv in die Sendung eingebunden wurden und immer neue Wege gesucht wurden, Menschen für den Glauben zu begeistern.

 

Begegnungen, die bleiben

Nicht nur historische Dokumente, sondern auch persönliche Begegnungen haben Daniela Sommer-Neustifter geprägt. Im vergangenen Jahr lernte sie zahlreiche Salvatorianer kennen und beschreibt sie als offene, engagierte und herzliche Menschen.

 

Besonders faszinieren sie Persönlichkeiten wie P. Theophilus Muth SDS, der die Donauschiffer auf einem Schiff seelsorglich betreute, oder P. Aloys Scheidl  SDS und P. Titus Helde SDS, die sich mit großem Engagement Kindern und Jugendlichen widmeten.

 

Gerade diese Frage bewegt sie bis heute:

„Ich würde P. Titus Helde oder P. Aloys Scheidl fragen, wie sie es geschafft haben, die Kinder und Jugendlichen anzuziehen und zu interessieren.“

Für Daniela Sommer-Neustifter liegt darin vielleicht auch eine der wichtigsten Aufgaben historischer Forschung: Nicht nur Vergangenes zu dokumentieren, sondern Impulse zu entdecken, die auch heute Orientierung geben können.

 

Das Gespräch führte Robert Sonnleitner