Den Auftakt der Feierlichkeiten bildete am 13. Juni um 10.00 Uhr die Führung „Auf den Spuren der Barnabiten“ durch die Michaelerkirche und das Kolleggebäude. P. Peter van Meijl SDS, Ordenshistoriker, Leiter des Provinzarchivs und ehemaliger Pfarrer von St. Michael, führte die Gäste, darunter den Generaloberen der Barnabiten, P. Ntale Majaliwa Etienne, durch das geschichtsträchtige Bauwerk. Dabei vermittelte er zahlreiche Einblicke in die gemeinsame Geschichte von Barnabiten und Salvatorianern und erläuterte die historischen Hintergründe dieses besonderen Ortes.

P. Peter van Meijl (5.v.r.) führte durch die Michaelerkirche und Kolleg und vermittelte zahlreiche Einblicke in die gemeinsame Geschichte von Barnabiten und Salvatorianer. (c) Salvatorianer/Robert Sonnleitner
Der Nachmittag stand ganz im Zeichen der Buchpräsentation und Vorträge, die in der der Barnabiten-Bibliothek im Salvatorianer-Kolleg stattfanden. Nach Begrüßungsworten durch P. Provinzvikar Franz Tree präsentierte Martin Kolozs, Mitarbeiter im Provinzarchiv der Salvatorianer, als Herausgeber das neue Buch "Geteiltes Erbe - 400 Jahre Barnabiten und Salvatorianer in Österreich (1626-2026)". Dieses enthält unter anderem Beiträge des renommierten Kunsthistorikers Prof. Richard Bösel über "Die Bautätigkeit der Barnabiten in Österreich", von Kirchenhistoriker Prof. P. Filippo Lovinson, des Ordenshistorikers und ehemaligen Pfarrers von St. Michael P. Peter van Meijl SDS über die "Übernahme der Barnabitenhäuser durch die Salvatorianer im Jahre 1923" und des Kunsthistorikers Günther Buchinger über "Die künstlerische Ausgestaltung von St. Michael unter den Barnabiten".

Martin Kolozs, Mitarbeiter im Provinzarchiv und Herausgeber des neuen Buches "Geteiltes Erbe" eröffnete das Symposion am Nachmittag. (c) Salvatorianer/Robert Sonnleitner
Den Reigen der Fachvorträge eröffnete der Kunsthistoriker Prof. Richard Bösel. In seinem Referat widmete er sich den Niederlassungen der Barnabiten in Österreich und präsentierte aktuelle Forschungsergebnisse zur Baugeschichte der von ihnen errichteten und geprägten Klöster und Kirchen. Dabei eröffnete er neue Perspektiven auf das architektonische und kulturelle Erbe des Ordens in Österreich.
Die Barnabiten kamen 1626 auf Initiative Kaiser Ferdinands II. nach Wien. Anstelle der ursprünglich geplanten Gründung in Prag übernahmen sie die Pfarre St. Michael vor der Hofburg. Von dort aus entwickelte sich das Michaelerkolleg zu ihrem wichtigsten Zentrum in der Habsburgermonarchie. Weitere Niederlassungen entstanden später in Prag, Mistelbach, Mariahilf und Margarethen am Moos.

Prof. Richard Bösel referierte über die Niederlassungen der Barnabiten in Österreich und präsentierte neue Forschungsergebnisse zu deren Baugeschichte. (c) Salvatorianer/rs
Bösel schilderte, wie die Erforschung der barnabitischen Baugeschichte in den vergangenen Jahrzehnten durch bislang wenig beachtete Archivbestände in Mailand und Rom entscheidend vorangekommen ist. Dort haben sich zahlreiche Pläne und Entwurfszeichnungen erhalten, die neue Einblicke in die Entstehung der österreichischen Ordenshäuser ermöglichen.
Zu den wichtigsten Funden zählt ein 1663 datierter Plansatz für das Michaelerkolleg. Er machte deutlich, dass die Hofarchitekten Filiberto Lucchese und Giovanni Pietro Tencalla an den Planungen beteiligt waren. Diese Entdeckung führte auch zu neuen Erkenntnissen über die Entwicklung der barocken Architektur in Wien.
Anhand von Entwürfen für Mariahilf und Margarethen am Moos zeigte Bösel außerdem, wie eng Architektur, Seelsorge und gesellschaftliche Repräsentation miteinander verbunden waren. Die Bauprojekte spiegeln die Bedeutung wider, die den Barnabiten innerhalb der Habsburgermonarchie zukam.

Das neue Buch „Geteiltes Erbe. 400 Jahre Barnabiten und Salvatorianer in Österreich (1626–2026)“ wurde im Rahmen des Symposiums in St. Michael erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. (c) Salvatorianer
Der Vortrag machte deutlich, welchen Beitrag die Barnabiten zur religiösen und kulturellen Entwicklung Österreichs geleistet haben. Der neu erschienene Band „Geteiltes Erbe“ fasst die Ergebnisse dieser Forschungen zusammen und dokumentiert ein wichtiges Kapitel gemeinsamer Ordensgeschichte.
Die Verehrung des heiligen Johannes von Nepomuk erlebte im 18. Jahrhundert in den Ländern der Habsburgermonarchie einen bemerkenswerten Aufschwung. Zu den frühesten und bedeutendsten Vereinigungen dieser Art gehörte die Johannes-von-Nepomuk-Bruderschaft in Mistelbach, die von den Barnabiten gegründet und gefördert wurde. Über ihre Geschichte berichtete der Historiker Benjamino Cantonati bei der Präsentation des Bandes „Geteiltes Erbe“.

Dr. Benjamino Cantonati stellte die Geschichte der von den Barnabiten gegründeten Johannes-von-Nepomuk-Bruderschaft in Mistelbach vor und beleuchtete deren Bedeutung für das religiöse Leben Niederösterreichs. (c) Salvatorianer/rs
Die Bruderschaft wurde 1724 gegründet, nur wenige Jahre nach der Seligsprechung Johannes von Nepomuks und noch vor seiner Heiligsprechung im Jahr 1729. Die Barnabiten, die seit dem 17. Jahrhundert die Pfarre Mistelbach betreuten, gehörten zu den engagiertesten Förderern seiner Verehrung. Der böhmische Märtyrer galt als Vorbild für Treue, Verschwiegenheit und Gewissensstärke. Sein Kult wurde in der Zeit der Gegenreformation bewusst gestärkt und verbreitete sich rasch über die Grenzen Böhmens hinaus.
Mistelbach spielte dabei eine besondere Rolle. Die dortige Bruderschaft gehörte zu den ersten ihrer Art in Niederösterreich und entwickelte sich rasch zu einer der wohlhabendsten. Anders als vielerorts haben sich in Mistelbach zahlreiche Dokumente erhalten, darunter Rechnungsbücher, Verträge und kirchliche Genehmigungen. Sie erlauben heute einen seltenen Einblick in das religiöse Leben einer barocken Pfarrgemeinde.
Im Zentrum der Bruderschaft stand ein Anliegen, das bis heute aktuell geblieben ist: der Schutz des guten Rufes. Die Statuten verpflichteten die Mitglieder, Verleumdung, üble Nachrede und Ehrabschneidung zu vermeiden. Dieser Gedanke leitete sich unmittelbar aus der Nepomuk-Legende ab. Johannes von Nepomuk galt als jener Priester, der das Beichtgeheimnis selbst unter Folter bewahrte und dafür sein Leben verlor. Die Barnabiten machten diese Botschaft zum geistlichen Kern der Bruderschaft.
Das Symposium „Geteiltes Erbe“ stieß auf großes Interesse und versammelte zahlreiche Gäste aus Kirche, Wissenschaft und Öffentlichkeit. (c) Salvatorianer/rs
Dabei beschränkte sich die Verehrung nicht auf Gebete und Andachten. Die Bruderschaft prägte das öffentliche Leben der Stadt. Festgottesdienste wurden mit Musik, Trompeten und Pauken gefeiert. Prozessionen führten durch den Markt und die umliegenden Orte. Fahnen, Bruderschaftsstäbe und eine vergoldete Nepomukstatue machten die Verehrung weithin sichtbar. In der Pfarrkirche entstand ein eigener Nepomuk-Altar, später kam ein Reliquiar des Heiligen hinzu, das 1736 feierlich nach Mistelbach gebracht wurde.
Die Barnabiten verstanden es, religiöse Praxis und Gemeinschaft miteinander zu verbinden. Mitglied konnten Frauen und Männer aller gesellschaftlichen Schichten werden. Adelige, Handwerker, Geistliche und Bürger fanden sich in derselben Bruderschaft zusammen. Besonders bemerkenswert war die enge Vernetzung mit dem regionalen Adel und dem Klerus, die wesentlich zum Erfolg der Vereinigung beitrug.
Über Jahrzehnte hinweg gehörte Johannes von Nepomuk zu den meistverehrten Heiligen in Mistelbach. Kaum ein anderer Heiliger war im Kirchenjahr mit so vielen Gottesdiensten, Prozessionen und Gedenkfeiern präsent. Die Quellen zeigen, wie sorgfältig die Barnabiten diese Verehrung gestalteten und wie stark sie das religiöse Leben der Region prägten.
Das Ende kam mit den Reformen Kaiser Josephs II. Im Jahr 1784 wurden die Bruderschaften aufgelöst und ihr Vermögen dem Religionsfonds übertragen. Die Prozessionen verschwanden, die Festfeiern wurden eingestellt und zahlreiche Ausstattungsstücke gingen verloren. Von der einst blühenden Bruderschaft sind heute nur wenige Zeugnisse geblieben. Dazu zählen die Nepomuk-Statue und die Dokumente im Klosterarchiv, die an eine Zeit erinnern, in der die Verehrung des Heiligen das religiöse Leben Mistelbachs nachhaltig prägte.
Der Vortrag machte deutlich, welchen Beitrag die Barnabiten zur religiösen Kultur Niederösterreichs geleistet haben. Die Geschichte der Nepomuk-Bruderschaft ist nicht nur ein Kapitel lokaler Frömmigkeitsgeschichte. Sie zeigt auch, wie Ordensgemeinschaften Glauben, Gemeinschaft und gesellschaftliches Leben über Generationen hinweg mitgestaltet haben.
Bei der Präsentation des Buches „Geteiltes Erbe“ richtete P. Filippo Lovison B, Barnabite und Professor für Geschichte und kirchliches Kulturerbe an der Pontificia Universita Gregoriana in Rom, den Blick auf ein wenig bekanntes Kapitel der Ordensgeschichte: das Schicksal der österreichischen Provinz der Barnabiten. Sein Vortrag war zugleich historische Spurensuche und Einladung zur kritischen Erinnerung.

P. Filippo Lovison B sprach über die Geschichte der österreichischen Provinz der Barnabiten und deren Übergang an die Salvatorianer. (c) Salvatorianer/rs
Obwohl die Barnabiten fast drei Jahrhunderte lang das kirchliche Leben in Wien, Mistelbach und weiteren Orten Niederösterreichs prägten, ist ihre Geschichte heute nur lückenhaft erforscht. Lovison verwies auf umfangreiche, bislang kaum ausgewertete Quellen im Generalarchiv des Ordens in Rom. Sie dokumentieren die Entwicklung der österreichischen Niederlassungen ebenso wie ihren Niedergang und ihre Auflösung im Jahr 1922.
Im Mittelpunkt seines Vortrags stand die Frage, die die Ordensleitung noch Jahrzehnte nach der Aufhebung beschäftigte: Sollte man nach Österreich zurückkehren oder die Niederlassungen endgültig aufgeben? Diese Überlegung zog sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der ehemaligen Provinz.
Nach Darstellung Lovisons begann die Krise bereits in der Zeit Kaiser Josephs II. Die staatlichen Reformen veränderten das Leben der Orden grundlegend. Gemeinschaftliches Ordensleben wurde erschwert, viele Patres wirkten isoliert in einzelnen Pfarren. Interne Berichte aus den 1920er Jahren sprechen von einer schleichenden Erosion des Gemeinschaftslebens und von wirtschaftlichen Problemen, die schließlich zum Zusammenbruch der Provinz beitrugen.
Mit der Auflösung der Provinz begann zugleich ein neues Kapitel. 1923 übernahmen die Salvatorianer auf Grundlage eines Vertrages die Seelsorge in den bisherigen Barnabitenhäusern, darunter St. Michael und Mariahilf in Wien sowie St. Martin in Mistelbach. Was zunächst als Übergangslösung gedacht war, entwickelte sich zu einer dauerhaften Verantwortung. Die Salvatorianer führten die pastorale Arbeit fort und prägten die Entwicklung dieser Orte über Generationen hinweg.
Als die Barnabiten in den 1950er Jahren erneut über eine Rückkehr nachdachten, zeigte sich, wie sehr sich die Situation verändert hatte. Die von den Salvatorianern aufgebauten pastoralen Strukturen waren vielfältig und lebendig. Gleichzeitig fehlte es den Barnabiten an personellen Ressourcen und an Nachwuchs. Die Rückkehr blieb daher ein Gedanke, der nie Wirklichkeit wurde.
Besonders eindrucksvoll war Lovisons Hinweis auf die Bedeutung der Erinnerung. Historische Dokumente, Bibliotheken und Archive seien weit mehr als Zeugnisse der Vergangenheit. Sie bewahren Erfahrungen, Erfolge und Fehler früherer Generationen. Gerade deshalb sei die Geschichte der österreichischen Barnabiten nicht nur eine Geschichte des Scheiterns, sondern auch eine Quelle für das Verständnis heutiger Herausforderungen kirchlichen und ordensgemeinschaftlichen Lebens.
Am Ende verband Lovison seinen Dank an die Salvatorianer mit einer Einladung zum gemeinsamen Erinnern. Die Zusammenarbeit beider Gemeinschaften habe dazu beigetragen, ein wichtiges Kapitel kirchlicher Geschichte lebendig zu halten. Die Auseinandersetzung mit dieser Vergangenheit könne helfen, die Zukunft bewusster zu gestalten. Gerade darin liege die bleibende Aktualität des „geteilten Erbes“.